BEYOND THE SCREEN mit Mirjam Skal

Die musikalische Weltenwanderin

09.02.2026

2021 war Mirjam Skal als Berlinale Talent bei Mentor Nicolas Becker (SOUND OF METAL) dabei. Mit der Musik zu ENJOY YOUR STAY in der Sektion Panorama kehrt die Komponistin an die Berlinale zurück.

Wie würdest Du die Musik zu «ENJOY YOUR STAY» beschreiben?

Kurz ausgedrückt als ein «Female-Empowerment-Tagalog-Rap-Filmscore». Der Film enthält wenig Musik, die Cues sind spärlich und präzise gesetzt. Regisseur Dominik Locher und ich haben sie in detaillierter, frame-genauer Arbeit platziert. Uns war wichtig, dass die Musik den Film nicht zusätzlich emotionalisiert. Umso bedeutungsvoller und fulminanter ist der Schluss-Song, den ich gemeinsam mit den philippinischen Rapperinnen Fateeha und Miss A von Morobeats sowie in Kollaboration mit den Produzenten Michael Hirst, Hannes Bachofner und Gabor Toth geschrieben und produziert habe. Auch die Singstimme der Hauptdarstellerin Mercedes Cabral sowie meine eigene Stimme sind im Song zu hören.

Ein wichtiges Element ist dabei das philippinische Volkslied ILI ILI. Es wird aus der Perspektive zweier Schwestern erzählt, die auf ihre Mutter warten, die angeblich nur zum Markt gegangen ist. Im Verlauf des Liedes wird jedoch klar, dass die Mutter nie zurückkehren wird. Der Text passt somit sehr genau zur Handlung des Films. Obwohl sowohl der Text als auch die Melodie melancholisch sind, wird der Song mit den starken Rap-Vocals der zwei Sängerinnen in eine neue Perspektive gerückt.

Als Synästhetikerin erlebst du Klänge in Farben und Formen und siehst Farben beim Musikhören und Komponieren. Welche Farbgebung siehst Du bei ENJOY YOUR STAY?

Bei ENJOY YOUR STAY wurde ich durch das Bild, aber auch durch das ausdrucksstarke Schauspiel beeinflusst. Obwohl der Film in den schönsten Berglandschaften und luxuriösen Skigebieten stattfindet, haben Farbton, Kameraeinstellungen und Grading etwas leicht Bedrückendes, die Perspektive der Protagonistinnen einnehmend. Klanglich empfinde ich die Musik als kalt, roh und farblich im grün-gelb-gräulichen Spektrum.

Meine Synästhesie ist besonders stark bei Animationsfilmen. Bei LOST TOUCH von Justine Klaiber entspricht die Musik komplett der Farbwelt im Bild: Blau, lila, violett, rosa – verwunschen, mit vielen Texturen und mit einer sphärischen Schönheit.

Hast du eigentlich eine Carte Blanche oder wie fest vertrauen die Regie und Produktion?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt stark vom Projekt ab. Manche Regisseur:innen haben eine sehr klare Vorstellung von Funktion und Stimmung der Musik, andere geben lediglich Referenzen vor – und wieder andere lassen mir völlig freie Hand. Ich mag es sehr, komplett aus meinem Bauchgefühl eine Klangwelt zu finden. Beim Dokumentarfilm VRACHT hatten Regisseur Max Carlo Kohal mein Musikstil und meine früheren Kompositionen gefallen, und ich konnte frei aus meiner Klangpalette schöpfen. Gleichzeitig können klare Vorgaben der Regie auch sehr inspirierend sein. So entstanden etwa die perkussiven Elemente in LES COURAGEUX, die sich Regisseurin Jasmin Gordon ausdrücklich gewünscht hatte – Klänge, auf die ich von mir aus nicht gekommen wäre.

Hast Du einen Lieblingsakkord, zu dem du immer zurückkommst?

Nein – im Gegenteil. Ich versuche bewusst, mich nicht zu wiederholen (auch wenn das natürlich nie ganz gelingt). Damit meine ich aber auch besonders meine Arbeitsweise: in jedem neuen Film mit viel Neugierde etwas Neues, Spannendes zu entdecken.

Du baust deine Klangwelten häufig mit ungewöhnlichen Instrumenten. Wie triffst du hier die Wahl?

Bei VRACHT haben Regisseur Max Carlo Kohal und ich das Konzept für die Welt auf den riesigen Frachtern eine fast science-fiction-artige Atmosphäre zu schaffen. Dafür habe ich schrille Metall- und Glasgeräusche, fragile Bratschenklänge und mächtige Bässe verwendet, welche ästhetisch sehr gut zu den Schiffen passen. Das Schiff sollte sich wie ein Mikrokosmos anfühlen: eine fremde, spezielle Welt mit ihren eigenen Regeln und klanglichen Interaktionen. Das hervorragende Sounddesign von Oscar van Hoogevest ging dabei fliessend in die Musik über; manchmal wusste ich selbst kaum noch, ob ein Klang aus der Musik oder aus der Tonspur kam.

Manchmal ergibt sich auch Method-scoring bei der Instrumentenwahl: beim Dokumentarfilm SAFE SPACES von Sarah Horst, der drei Frauen auf der Reise mit ihrer Sexualität und Intimität begleitet, habe ich das Vibratorsurren mittels Mikrofon im Studio aufgenommen und daraus einen schief-schönen Synthesizer gebaut. Den Klang habe ich dann mit weiteren Instrumenten ergänzt und eine nahe, sinnliche Musik erschaffen.

Bei der Zürcher Tatort-Folge VON AFFEN UND MENSCHEN von Michael Schaerer habe ich meine ganze Küche mit dem Mikrofon aufgenommen und in virtuelle Instrumente verwandelt, inklusive Bialetti-Kanne, Toaster, Pfannendeckel und Rüeblischäler. Diese Klänge führen zu einer verspielten Kulisse, die mit ihrer Eigenheit eine lockere und unerwartete Atmosphäre in die Filmmusik bringen.

Mit VRACHT hast du 2025 zwei Preise bekommen. Was macht das mit Dir?

Sowohl der deutsche Dokumentarfilm-Musikpreis als auch der Zürcher Filmpreis waren für mich eine grosse Überraschung. Obwohl die Musik für VRACHT auch mächtige Momente hat, ist sie eher subtil und hintergründig. Deshalb hat es mich überrascht, dass die Musik von den Juries wahrgenommen wurde. Diese Anerkennung bestätigt mir, dass ich meinem Bauchgefühl vertrauen darf. Ich hatte sehr lange immer wieder Zweifel, auf dem richtigen Weg zu sein und damit gehadert, mir den Weg der Filmmusikkomponistin zuzutrauen. Ein Zuspruch dieser Art fühlt sich an wie die rot-weisse Markierung beim Wandern in den Bergen: ein klares Zeichen, dass ich auf dem richtigen Pfad bin.

Auf welchem Instrument entwickelst Du die Motive am liebsten?

Sehr oft arbeite ich mich meiner eigenen Stimme. Manchmal verdoppele ich summend Melodien, die auf einem anderen Instrument gespielt werden, oder ich verwebe verhallte Stimmtexturen als zusätzliche Ebene in eine Komposition. So wird die Stimme bei mir oft statt Solo-Element zu einem leicht verfremdeten Orchesterinstrument. Die Stimme ist das Ur-Instrument der Menschen und jede Person findet einen Zugang dazu, hat vielleicht selber von der Mutter Schlaflieder vorgesungen bekommen. Somit ist sie für mich ein Mittel, um zum Publikum einen emotionalen Zugang zu finden.

Besonders bewegend war für mich die Arbeit an der Dokumentarfilmserie DER ENGELMACHER, von Marina Klauser. Ich konnte den Missbrauchs-Überlebenden der Religionsgemeinschaft Methernita eine musikalische Stimme geben. Die Melodie des Hauptthemas widerspiegelt nicht nur die Opfer, sondern auch den Täter. Eine tiefe, männliche Stimme beginnt summend eine Melodie zu singen, die an ein Schlaflied erinnert. Dazu gesellen sich nach und nach höhere, weibliche Stimmen. Dies steht symbolisch für die jungen Mädchen, in der Religionsgemeinschaft «Engel» genannt, die vom Täter Paul Baumann in den Bann gezogen, manipuliert und gefangen wurden – ähnlich wie der Rattenfänger von Hameln.

Dadurch, dass ich die Melodie mit meiner eigenen Stimme eingesungen habe, besteht für mich eine ganz besondere Verbindung zur Geschichte und den Protagonistinnen. Mit meinen eigenen Emotionen finde ich den Zugang zum Film und übertrage diese durch meine Stimme in den Soundtrack.

An welchen Aktuellen Projekten arbeitest Du und worauf dürfen wir uns freuen?

2026 werden einige bereits abgeschlossene Filmprojekte das Tageslicht erblicken: Neben ENJOY YOUR STAY werden auch die Langfilme SAFE SPACES von Sarah Horst und 111 – ECHOES FROM HALIFAX von Mauro Müller Premiere feiern. Beim letzteren habe ich die Filmmusik in London in den Abbey Road Studios aufgenommen, was eine grosse Freude war. Mit Live-Musiker:innen zu arbeiten ist für jede Filmmusikkomponistin ein besonderes Highlight. Die jahrzehntelange Expertise der Instrumentalist:innen auf ihren teils hundertjährigen Instrumenten gibt der Musik eine ganz besondere Qualität und Emotionalität. Bei einem Film wie 111 – ECHOES FROM HALIFAX, der den katastrophalen Flugzeugabsturz der Swissair im Jahr 1998 behandelt, war mir das besonders wichtig.

Des weiteren werden die Serien BLIND von Christian Johannes Koch & Barbara Kulcsar und DER ENGELMACHER von Marina Klauser im Fernsehen ausgestrahlt werden, die beide noch in Produktion sind. All diese Projekte haben völlig unterschiedliche Filmmusiken. Für mich ist es ein riesiges Privileg, eine musikalische Weltenwanderin sein und jedem Film ein eigenes Klangkleid verleihen zu dürfen.

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